Die Nase voll – chronische Nasennebenhöhlenentzündungen und wie ein besseres Leben damit möglich ist



Die Nase läuft mal wässrig, mal rinnt Schleim den Hals hinunter und nervt. Ich bekomme kaum Luft und muss immer durch den Mund atmen. Nachts wache ich auf und der Mund ist trocken, rau wie in einem Sandsturm in der Sahara. Ich stehe auf und trinke Wasser, das hilft wenigstens für den ersten Moment. Kaum eingeschlafen, stösst mich meine bessere Hälfte an: „Du schnarchst!“ Morgens wache ich gerädert auf. Meine Arbeitskollegen fragen ständig, ob ich erkältet sei – meine Stimme töne so nasal. Oder sie rümpfen die Nase, weil ich häufig schniefe. Und so richtig Energie hatte ich schon lange nicht mehr. Unter Freunden trinken wir ein Glas Wein und der Reihe nach loben alle die unterschiedlichen Geschmacksnuancen: „Ah, wie das nach Zimt oder Pflaume schmeckt, und die Schokoladentöne im Abgang!“ Nun, für mich schmeckt das eigentlich nur süss oder auch mal sauer und bitter – ich schweige besser.

Eine verstopfte Nase ist lästig und kann Symptom verschiedener Krankheiten sein. Im einfachen Fall besteht nur eine Atembehinderung durch anatomische Engstellen, welche die Nasenkanäle verschmälern oder sich vor die Nebenhöhlen legen. Oder aber chronische Entzündungen lassen die Nase zuschwellen.

Veranstaltungshinweis:

NASE VOLL - CHRONISCHE NASENNEBENHÖHLENENTZÜNDUNG

Ort: Academy, Haus zur Pyramide, Klausstrasse 10, 8008 Zürich (kostenlose Parkplätze verfügbar)
Datum: Mittwoch, 20. März 2019
Zeit: 18.30 bis ca. 20.00 Uhr, anschliessend Diskussion und Apéro

Mit Dr. med. Christian A. Maranta, Facharzt FMH für Hals-, Nasen und Ohrenkrankheiten, ORL Praxen in Küsnacht, www.orlpraxen.com

Melden Sie sich jetzt an: Online-Anmeldung, Telefon: 043 336 72 00 oder info@pyramide.ch.

Krankheitsbilder

Wenn die Nase nur verstopft ist (die einfachste Form ist eine Verkrümmung der Nasenscheidewand), besteht noch keine Entzündung. Das Problem lässt sich durch eine Korrektur der Nasenscheidewand und allenfalls der Strukturen des Naseneingangs lösen. Ein erster Schritt in Richtung chronische Rhinosinusitis ist der gehäuft auftretende Nebenhöhleninfekt. In diesem Stadium kann bereits durch konservative Massnahmen viel erreicht werden. Treten aber trotz Pflege im Verlauf von zwei Jahren jährlich mindestens zwei Nebenhöhlenentzündungen (akute Rhinosinusitiden) auf, kann ein operativer Schritt nötig und hilfreich sein. In diesem Stadium liegt die OP-Erfolgsquote bei über 90 Prozent.

Wenn die Nase über drei Monate verstopft ist und Schleim den Hals hinunterläuft oder der Geruchssinn vermindert ist, Druck im Gesicht herrscht oder ein Husten plagt, spricht man von einer chronischen Rhinosinusitis. Rund 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in den meerfernen Regionen leiden unter einer chronischen Rhinosinusitis.

Behandlungsoptionen

Erst einmal wird konservativ behandelt. Hilft das weitere drei Monate nicht, ist gemäss Richtlinien der Europäischen Rhinologischen Gesellschaft ein operatives Öffnen der grossen Nebenhöhlen besser als Zuwarten. Ob ein Eingriff erfolgreich ist oder nicht, hängt von drei Faktoren ab:

  • Erkennen und Verhindern: eine gute Vorabklärung und das Ausmerzen von Faktoren, welche die Nase reizen, sowie eine gute Operationsplanung
  • Behandeln: ein gutes Teamwork von Patient und Arzt rund um den Eingriff (eine Woche davor bis drei Wochen danach)
  • Betreuen: eine konsequente Nachsorge durch Aufrechterhalten der Pflege und Meiden von Reizen der Nasenschleimhaut (Infektquellen, Rauchen/Schadstoffe, Kaltluftzug, Allergien)

Die chronische Form

Eine chronische Nebenhöhlenentzündung kann sich aus verschiedenen Krankheitsbildern und mehreren mechanischen Faktoren zusammensetzen: Immunologische Erkrankungen wie Allergien oder Überreaktionen von Immunzellen, eine Überreaktion des vegetativen Nervensystems auf physikalische Reize (Kaltluft, Staubpartikel), Infektfolgen mit bleibenden Gewebeschäden und Einnisten von Bakterien (Biofilm) sowie genetische Defekte, welche die Schleimhautoberfläche und -funktion beeinträchtigen. Am Ende der Skala stehen Immunkrankheiten des ganzen Körpers mit Nasenpolypen und einem bakteriellen Biofilm sowie Asthma und Unverträglichkeit von Aspirin-artigen Schmerzmitteln.

Ursprung im Meer

In evolutionsgeschichtlich gesehen uralten Zeiten spielte der Eingang zu den Nebenhöhlen noch eine wichtige Rolle als Teil des Immunsystems: Er hatte die Aufgabe, den Körper vor eindringenden Bakterien oder kleinen Fremdkörpern zu schützen. Heute kann die gleiche Schutzreaktion zu einer Polypenbildung der Schleimhaut führen, weil sich die Lebensverhältnisse geändert haben. Polypen entstehen am häufigsten aufgrund einer fehlgeleiteten Immunreaktion, die aus unserem ältesten genetischen Archiv stammt: Als Reaktion auf Schleimhautreize sendet das Immunsystem über die Blutbahn Killerzellen (eine Art Selbstmordattentäter mit Giftstoffen) aus, die durch die Schleimhaut der Siebbeinzellen an die Nasenoberfläche treten, dort explodieren, Gifte freisetzen und damit die eigene Schleimhaut schädigen. Diese reagiert mit einer Schwellung und bildet gallertartige Wasserblasen, die die Nase verstopfen. Aber warum konnte sich eine so nachteilige Reaktion entwickeln? Dazu müssen wir weit in der Evolutionsgeschichte zurückgehen. Alles begann, als Lungenfische einen Trick entwickelten, ihr Riechorgan vor Parasiten zu schützen. Das Geruchsorgan an der Wurzel der Nase ist der ursprünglichste Sinn. Er war bei der Nahrungssuche behilflich. Wenn das Geruchsorgan von Pilzen überwuchert wurde, konnte es keine Nahrung mehr riechen und der Fisch verhungerte. Dagegen half eine Art „Winkelried“-Manöver. Die Fische setzten Immunzellen frei (eine Form von weissen Blutkörperchen, sogenannte eosinophile Granulozyten), die an die Oberfläche des Geruchsorgans traten, sich auflösten und Bläschen mit stark oxidierenden Substanzen bildeten. Diese Stoffe zersetzen die Zellwände in ihrer Umgebung. Da die Haut der Fische – wie auch unsere Schleimhaut – von einer Schleimschicht bedeckt war, wurde sie nicht beschädigt. Die aufsitzenden Pilzzellen jedoch schon. Sie wurden durchlöchert, starben ab und wurden von der konstanten Meerwasserströmung samt Giftstoffen weggespült. Das Geruchsorgan war wieder sauber und konnte seine Riecharbeit verrichten – eine effektive Säuberungsaktion.

Nun, wenn wir die Veranlagung zu dieser Reaktion in unserem genetischen Archiv freischalten, ist die Reaktion fatal. Unsere Nasen werden nicht mehr konstant durch Meerwasser gespült und daher bleiben die freigesetzten Gifte in der Schleimhaut und schädigen uns selbst. Rund 5 Prozent der europäischen Bevölkerung haben diese Veranlagung und entwickeln in der Folge Polypen. Diese Reaktion geht von den Siebbeinzellen aus, dem ältesten Immunsystem der Wirbeltiere, das beim Menschen eigentlich schon längst durch andere weiterentwickelte Systeme abgelöst ist.

Aufbau der Nase

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die Anatomie der Nase genauer zu betrachten: Sie besteht aus zwei Kanälen um die Nasenscheidewand, die die äussere Nase trägt. Zu beiden Seiten befinden sich drei Muscheln. Zuoberst das älteste Organ, die Riechmuschel, an deren Mitte sich Riechzellen befinden. Eine Etage weiter unten befindet sich das Siebbeinsystem, das Tor zu den grossen Nebenhöhlen, welches ursprünglich das Riechorgan wie eine Polizeikaserne bewachen und schützen sollte. Wenn es in Aufruhr versetzt wird, schwillt es an, produziert übermässig Schleim, verstopft die grossen Nebenhöhlen und kann Druck sowie eine blockierte Nasenatmung verursachen. Aber eben auch Zellen freisetzen, welche die Situation noch verschlimmern. Viel später in der Evolution, als die Atmung an Land gebraucht wurde, entwickelte sich der unterste Teil der Nase: der Nasenkanal. Hier befinden sich die unteren Nasenmuscheln, die unsere Atemluft befeuchten und erwärmen. Bei Entzündungen der Siebbeinzellen können sie übermässig anschwellen. Das Ergebnis ist eine verstopfte Nase. Wenn dieser Zustand lange genug andauert, können in der Luftabgeschiedenheit Bakterien gedeihen, die wiederum Infektionen verursachen. Diese Entzündungsreaktionen führen langfristig zu einer Schwächung des ganzen Körpers: Eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit, eine stark reduzierte Lebensqualität und ein verminderter bis fehlender Geruchssinn können die Folge sein. Auf lange Sicht können chronische Infekte und eine Verminderung der Lungenfunktion mit Asthma und Schädigung der Lungen entstehen.

Diagnosestellung

Chronische Nebenhöhlenentzündungen erfordern eine Zusammenarbeit von Hausarzt, Nasen- und Lungenspezialist. Meist kommen Patienten mit einer verstopften Nase zum Hals-Nasen-Ohrenarzt (ORL); wenn Husten und schweres Atmen im Vordergrund stehen, auch zum Lungenspezialisten. Die Behandlung erfordert echtes Teamwork, um Lebensqualität und Leistungsfähigkeit wieder herzustellen.

Die Aufgabe des Rhinologen (Nasenspezialisten) ist die Diagnostik mit Endoskopie der Nase (Untersuchung der drei Nasenteile), Prüfen der Atmung und des Geruchsinns und bei Bedarf Bildgebung mittels Computertomografie der Nebenhöhlen, um die Reaktionen und Strukturen im Nebenhöhlensystem zu erkennen. In seltenen Fällen können polypenähnliche Veränderungen das umliegende Gewebe schädigen, oder hinter den Polypen versteckt sich eine bösartige Veränderung, die das umliegende Gewebe der Nase angreift. Da unmittelbar an die Nase das Gehirn, die Augen und grosse Gefässe grenzen, ist das frühe Erkennen einer solchen Entwicklung wichtig. Polypen selbst verursachen in der Regel keine Schmerzen. Schmerzen oder blutiges Sekret treten bei Infekten oder bösartigen Formen von Polypen auf. Eine Blutentnahme kann helfen, Systemerkrankungen oder Begleiterkrankungen wie Störungen des Immunsystems (Allergien, Autoimmunerkrankungen, Immunschwächen) zu entdecken. Hier ist die Zusammenarbeit mit Immunologen oder Rheumatologen wertvoll.

Konservative Behandlungen

Als Erstes erfolgt die Behandlung mit in der Nase angewendeten Medikamenten (lokale Steroidsprays oder -tropfen) und Spülungen mit meerwasserähnlichen Lösungen. Diese helfen auf natürliche Weise, die Schleimhaut in ihrer Selbstreinigung zu unterstützen. Die Krankheit wird durch diese Behandlung eingedämmt. Wenn damit Beschwerdefreiheit erreicht wird, kann diese als Dauerbehandlung unter jährlicher Überwachung eingesetzt werden. Moderne Steroidsprays haben keine schädliche Langzeitwirkung auf den Körper und sind mit dem Fluor in fluoridhaltiger Zahnpasta vergleichbar, die viele täglich verwenden.

Nebenhöhlenchirurgie (Ethmoidektomie)

Bekommt man das chronifizierte Gesundheitsproblem nicht in den Griff, was häufig der Fall ist, bezeichnet man den Zustand als „nicht-kontrollierte chronische Nebenhöhlenentzündung“. Dann genügt eine konservative Behandlung nicht und es sind chirurgische Schritte erforderlich, um das Übel bei der Wurzel zu packen. Bis etwa zur Jahrtausendwende war die Operation der Nebenhöhlen technisch nicht befriedigend. Mit modernen Techniken aber ist die Erfolgsrate (zumindest in Form der kontrollierten Erkrankung) auf über 90 Prozent gestiegen (bei Nasenpolypen über 70%). Dank intravenöser Anästhesie mit Blutdruckkontrolle während der Operation, moderner hochauflösender Optiken und Kamerasysteme sowie verfeinerter Instrumente können die Nebenhöhlen von geübter Hand so geöffnet werden, dass die Operationsrisiken in den Promillebereich zurückgedrängt werden konnten. Dennoch, jede Operation erfordert volle Konzentration und ein immerwährendes Prüfen jedes einzelnen Schrittes während der millimeterweisen Abtragung des Siebbeinzellsystems, das der Auslöser der Erkrankung ist. Der ganze Raum der Siebbeinzellen muss sauber geöffnet werden, damit die erkrankte Schleimhaut nach Abheilung zur Ruhe kommen und richtig gepflegt werden kann. In neuerer Zeit etabliert sich die Methode, die mittlere Muschel als Teil des Ethmoidalsystems bei einer Polypenerkrankung mit zu entfernen. Ein Schritt, der zu deutlich besseren Ergebnissen mit wirksamerer Belüftung der Riechrinne und optimierter Selbstreinigung führt. Da es sich bei einer chronischen Rhinosinusitis mit Polypen um eine Systemkrankheit handelt, muss auch bei Beschwerdefreiheit die Nase weiter gepflegt werden – eben wie Zähne auch regelmässig geputzt werden müssen, sonst kommt es beim nächsten hartnäckigen viralen Schnupfen zu einem Rückfall.

Ethmoidektomie mit transseptaler Stirnhöhlendrainage

In wenigen oder fortgeschrittenen Fällen mit zusätzlich starker Reaktion auf Umgebungsreize – in der Alpenregion leben wir in einem Reizklima – muss ein erweiternder Eingriff mit Öffnung der Stirnhöhlen durchgeführt werden.
Die Stirnhöhlen sind im Gegensatz zu den übrigen grossen Nebenhöhlen an ihrem Zugang ebenfalls mit immunaktiver Schleimhaut bedeckt und ihr Eingang ist wie ein Nadelöhr, das Medikamente schlecht passieren können. Während die übrigen Nebenhöhlen sich nach einem Eingriff gut reinigen lassen, kann dieser Übergang so eng sein, dass Pflege und Medikamente nicht bis in diesen Bereich eindringen können. Entzündungen bilden sich im Engpass weiter und verstopfen die Stirnhöhlen und reizen weiterhin die Lunge. Um dieser Situation Herr zu werden, wurde eine Technik entwickelt, die die Trennwand der Stirnhöhlen über die Nasenscheidewand abträgt. Die so vergrösserte Öffnung verbessert die Belüftung an diesem Übergang ideal, sodass Medikamente bis in den hintersten Winkel vordringen können und somit eine (medikamentöse) Kontrolle der Krankheit möglich ist. Diese Techniken wurden bereits in den 90er-Jahren entwickelt, aber erst in diesem Jahrzehnt mithilfe hochauflösender optischer Systeme und feinerer Instrumente sowie Bohrinstrumenten so verfeinert, dass ohne grosse Belastung gute und bleibende Ergebnisse erzielt werden können.

Die Nebenhöhlenchirurgie ist eine faszinierende Sparte der modernen Medizin, die in den letzten dreissig Jahren eine umwälzende Entwicklung durchgemacht hat – vergleichbar etwa mit der Mobilität von der Erfindung des Rads bis zum modernen schadstoffarmen Auto. Zum Wohl der Betroffenen – wie auch zur Freude von uns Chirurgen. Dennoch: Ohne das richtige Verhalten (Erkennen und Behandeln von Begleiterkrankungen, konsequente Pflege und Vermeidung von Reizen, insbesondere Rauchen) nützt auch die beste Technik nichts. Das Teamwork von Patienten und betreuenden Ärzten bleibt für den Erfolg entscheidend. Damit konnte heute eine Kontrolle der Erkrankung von ca. 60 bis 80 Prozent in den 90er-Jahren auf über 90 Prozent verbessert werden. Die restlichen 10 Prozent bleiben eine Herausforderung, bei der die Hoffnung auf modernen immunologischen Entwicklungen (Antikörper gegen Immunbotenstoffe/Biologika) ruht.

Autor:
Dr. med. Christian A. Maranta, Spezialarzt FMH für Hals-, Nasen-, Ohrenchirurgie