Inverview mit Dr. med. A. George mit Moneycab

18.06.2014

Interview von Patrick Gunti

Dr. Cédric A. GeorgeDr. med. Cédric A. George, VR-Delegierter Klinik am See. (Foto: zvg)
 

Moneycab: Herr George, im vergangenen Jahr feierte die Privatklinik Pyramide ihr 20jähriges Bestehen. Was empfinden Sie, wenn Sie diese Zeit Revue passieren lassen?

Cédric A. George: Zuerst einmal bin ich sehr stolz und dankbar, dass wir es zusammen mit den Ärzten, Mitarbeitenden und den Versicherungspartnern geschafft haben, sozusagen aus dem Nichts eine führende und international renommierte Spezialklinik zu schaffen und deren Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit über all die Jahre zu bewahren. 20 Jahre sind dafür nicht viel, wenn man bedenkt, wie schnell sich das Gesundheitswesen wandelt. Unsere Konkurrenten sind alle viel älter und grösser. Dass wir uns in diesem kompetitiven Umfeld behaupten können, ist keine Selbstverständlichkeit und das Resultat intensiver, langjähriger Aufbauarbeit.

Die Brustkrebschirurgie ist eines Ihrer Spezialgebiete. Welche Fortschritte sind in diesem Spezialgebiet in den letzten Jahren erzielt worden?

In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren tatsächlich sehr viel getan. Auf der einen Seite hat sich das Verständnis für das richtige Vorgehen erweitert. Die Euphorie einer Brusterhaltung um jeden Preis ist einem umfassenderen und individuelleren Ansatz gewichen, der heute eine bessere Selektion ermöglicht. Patientinnen können heute dank verbesserter Informationslage und grösserem Angebot die für sie richtige Behandlung auswählen und sich dafür auch die nötige Zeit lassen. Auf der anderen Seite wurden natürlich auch im Bereich der Rekonstruktionschirurgie, insbesondere der Mikrochirurgie, grosse Fortschritte erzielt. Heute sind Brustrekonstruktionen auf viele verschiedene Arten (mit Implantat, mit Eigengewebe, Kombinationen davon) möglich und sie erhöhen die Lebensqualität der betroffenen Frauen bedeutend.

„Die Euphorie einer Brusterhaltung um jeden Preis ist einem umfassenderen und individuelleren Ansatz gewichen, der heute eine bessere Selektion ermöglicht.“ Dr.med. Cédric A. George, VR-Delegierter Klinik am See

Lässt sich festhalten, in welchen Fällen brusterhaltend operiert werden sollte, und wo das Angebot einer Brustrekonstruktion zum Thema wird?

Das oberste Ziel jeder Brustkrebsbehandlung ist immer die vollständige Entfernung des Tumors. Für die Mehrheit der Fälle reicht dafür in der Regel ein brusterhaltendes Vorgehen. Leider ist die komplette Brustentfernung (sog. Mastektomie oder Ablatio) bei ungefähr einem Drittel aller Patientinnen aufgrund der Tumorbeschaffenheit unumgänglich oder aus ästhetischen Gründen der brusterhaltenden Technik vorzuziehen. Dank optimierten Bestrahlungsverfahren, wirksameren Medikamenten und den bereits erwähnten Fortschritten bei den Rekonstruktionsmethoden gehört der sofortige Wiederaufbau inzwischen zu den Optionen der ersten Wahl, wenn es zu einer Brustamputation kommt.

Letztes Jahr ging die präventive Brustamputation, zu der sich die Schauspielerin Angelina Jolie entschloss, durch die Weltpresse. Wie stellen Sie sich dazu?

Grundsätzlich habe ich für den Entscheid und das Vorgehen von Angelina Jolie grosses Verständnis. Sie ist familiär respektive genetisch vorbelastet und weiss, dass sie ein Brustkrebs verursachendes Gen trägt. Mit ihrem konsequenten Handeln wollte sie sich ihrer Familie und ihrem Beruf zuliebe auf längere Zeit schützen. Sie entschied sich für eine vorsorgliche, komplette beidseitige Mastektomie mit sofortigem Wiederaufbau der Brüste, was ihre körperliche Integrität bestmöglichst bewahrte.

Gleichzeitig muss man sich aber auch bewusst sein, dass nur bei einem kleinen Teil der an Brustkrebs erkrankten Frauen eine genetische Veranlagung besteht. Aus dem Fall von Jolie also abzuleiten, dass sich jede Frau vorsorglich einem Gentest unterziehen sollte, wäre falsch. Richtig und wichtig ist aber, dass Frauen, in deren Familien bereits mehrfache Brustkrebsfälle aufgetreten sind, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen können. Die Frage letztlich ist, was die Schlussfolgerungen eines solchen Befundes sind. Drängt sich eine vorsorgliche Brustentfernung auf, so sollte diese in jedem Fall aber auch mit der gleichzeitigen Entnahme der Eierstöcke kombiniert und idealerweise ab dem 35. Lebensjahr durchgeführt werden.

Wie gross ist der Anteil der Operationen in Ihrem Fachzentrum für Plastische Chirurgie, die den Patienten funktionelle Verbesserungen ermöglichen und wie hoch ist der Anteil ästhetischen Chirurgie?

Die Grenze zwischen rein ästhetischen und rein funktionalen Eingriffen ist fliessend und häufig auch eine Sache individueller Beurteilung. In unserem Zentrum, das eben auch auf Brustkrebschirurgie spezialisiert ist, liegt der Anteil bei ungefähr 50%.

„Ästhetische Chirurgie muss seriös und vernünftig sein. Ich verlasse mich hier auch auf das Urteilsvermögen und den gesunden Menschenverstand meines Teams.“

Welche Unternehmenspolitik verfolgen Sie bei der plastischen Chirurgie im Spannungsfeld zwischen physisch-psychischer Notwendigkeit und dem vielzitierten Schönheitswahn?

An unserem Zentrum verfolgen wir seit jeher den Ansatz der Verhältnismässigkeit. Ästhetische Chirurgie muss seriös und vernünftig sein. Ich verlasse mich hier auch auf das Urteilsvermögen und den gesunden Menschenverstand meines Teams. Absurde oder übertriebene Wünsche lehnen wir ab. Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Die Risiken müssen in einem richtigen Verhältnis zum erzielbaren Resultat stehen. Wir sind bekannt dafür, dass wir sehr natürlich und diskret operieren. Unsere Patienten sind mehrheitlich ganz „normale“ Leute, die sich ob einem bestimmten Problem stören und dieses behandelt sehen wollen. Schönheitsexzesse, wie man sie aus den Medien kennt, kommen bei uns nicht vor.

„Ich bin ein klarer Verfechter der monistischen Spitalfinanzierung. Wir sehen doch, dass auch die neue Spitalfinanzierung nur mehr Kosten verursacht und gleichzeitig Qualität eingebüsst wird.“

Seit 2012 ist das neue Spitalfinanzierungskonzept in Kraft. Welche Bilanz ziehen Sie generell?

Einmal mehr wurde ein Konzept geschaffen, das die falschen Anreize und die Wettbewerbsbehinderungen des alten Systems nicht aufheben konnte. Die neue Spitalfinanzierung beruht auf der Berechnung und Messung von Kosten. Das ist doch völlig kontraproduktiv: die Preise für einzelne Eingriffe sollten massgeblich sein und nicht die Spitalkostenstruktur, welche zur Definition der unterschiedlichen Base-Rates herangezogen wird. Zudem sollte die Regulierung durch den Kanton, der selber Spitäler betreibt und Spitalbewilligungen erteilt, endlich gestoppt werden. Ich bin ein klarer Verfechter der monistischen Spitalfinanzierung. Wir sehen doch, dass auch die neue Spitalfinanzierung nur mehr Kosten verursacht und gleichzeitig Qualität eingebüsst wird.

Sie haben im Vorfeld der Einführung wiederholt vor einer Kostenexplosion und einem massiven Prämienschub gewarnt…

Ja, das ist ja die Krux an der Sache: die Kosten steigen weiter an, weil ein Wettbewerb über die Preise verhindert wird. Nochmals: zur Definition der Base-Rate werden die Spitalkosten herangezogen: ein teures Spital hat also nicht wirklich einen Anreiz, kostengünstiger zu wirtschaften. Nicht zu sprechen vom erhöhten Administrationsaufwand, der das neue System mit sich bringt.

Die Klinik Pyramide hat sich dafür entschieden, kein Listenspital zu sein, das mit öffentlichen Geldern mitfinanziert wird. Weshalb?

Ich habe mich stets gegen die Einflussnahme des Staates gewehrt. Für mich gibt es nur den freien Wettbewerb und die unternehmerische Unabhängigkeit. Ich finde es nicht korrekt, dass ein Privatspital, das heute auf der Liste steht, öffentliche Gelder erhält und sich bei der Unternehmensführung vom Kanton dreinreden lassen muss. Das ist wettbewerbsverzerrend und schadet der Qualität, die zwangsläufig verwässert und nicht mehr im Sinn der Ärzte und Patienten aufrecht erhalten werden kann.

Wie präsentiert sich die Situation heute? Hat sich der Entscheid, ohne staatliche Beiträge auszukommen, aber auch ohne Einschränkung des unternehmerischen Handlungsspielraums, gelohnt?

Es war mir von vorne weg klar, dass wir ein reines Vertragsspital bleiben würden. Insofern muss ich mir diese Fragen nicht stellen. Natürlich war und ist dieser Weg kein einfacher. Wir hatten anfangs tatsächlich etwas Mühe, unsere Position gegenüber den Ärzten und den Versicherern plausibel zu machen und sie für unser Vorhaben zu gewinnen. Transparente Kommunikation und langjährige Loyalität zahlten sich aber aus. Sehr schnell waren unsere Versicherungspartner zu neuen Verhandlungen bereit und wir waren sehr stolz, dass es uns schon vor der Einführung der neuen Spitalfinanzierung gelang, neue Verträge mit allen grossen Versicherungen abzuschliessen. Unsere Nischenposition und unsere Exklusivität haben sich durch diesen Entscheid sicherlich noch gestärkt. Heute würde ich sogar sagen, dass wir den fehlenden Sockelbeitrag längst durch bessere Qualität und höhere Patientenzufriedenheit wettgemacht haben.

Dann ist die neue Spitalfinanzierung für Anbieter in Nischenmärkten und exklusiven Angeboten wie die Klinik Pyramide vielleicht sogar eine Chance?

Ja, genau. Und wenn die monistische Spitalfinanzierung eines Tages endlich kommen sollte, was ich mir wünsche, sind wir bestens dafür gewappnet.

Ist die Strategie Ihrer Klinik eine Strategie für den gesamten privaten Spitalsektor?

Ja, durchaus. Ich hoffe, dass auch andere Kliniken nachziehen.

Welche Vereinbarungen hat die Klinik mit den Versicherern getroffen?

Wir haben als Vertragsspital ganz normale Tarifverträge mit allen Leistungserbringern. Sie regeln die Entgeltung unserer Leistungen nach einem bestimmten Modell.

Mit Ihrer Klinik haben Sie hohe qualitative Standards gesetzt. Wie wichtig ist der Faktor Exklusivität für den Erfolg?

Exklusivität ist sehr wichtig, vor allem für ein kleines Haus wie die Klinik Pyramide. Exklusivität setzt aber auch voraus, dass alle Leistungen von höchster Qualität und massgeschneidert auf den Patienten oder den Arzt ausgerichtet sein müssen. Über allem stehen die Qualität und der Servicegedanke. Das ist harte Arbeit im Alltag und eine Frage der Einstellung. Wir müssen nicht nur das Richtige tun, sondern es auch besser tun als die Konkurrenz. Und dafür brauchen wir die richtigen Mitarbeiter, Ärzte und Partner.

    „Wie eine mögliche Nachfolgelösung aussieht, kann ich Ihnen im Moment noch nicht sagen, denn es gibt dazu auch noch keine Veranlassung.„

Wie haben sich die Ansprüche der Patienten in den letzten Jahren verändert?

Die Erwartungshaltung der Patienten ist deutlich gestiegen. Sie ist, resp. war in der Schweiz wohl schon immer relativ hoch, hat aber gerade in der privaten oder selbstzahlenden Medizin sicher noch zugenommen. Wer sich heute eine Privatversicherung leistet oder den Eingriff selber bezahlt, erwartet verständlicherweise einen Mehrwert – erst recht in einer exklusiven Klinik wie der Pyramide.

Wir haben zu Beginn über die ersten 20 Jahre der Klinik Pyramide gesprochen, lassen Sie uns jetzt noch einen Blick in die Zukunft werfen: Wie wird sich die Klinik weiterentwickeln, welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Wir werden den Weg des Nischenanbieters mit wenigen, aber führenden Spezialgebieten weiterführen. Gleichzeitig setze ich auf die Zusammenarbeit mit unserem Partner, dem GSMN-Netzwerk, zu denen in Zürich die Kliniken Bethanien und Lindberg gehören. Ohne unsere unternehmerische Unabhängigkeit einzubüssen, können wir auf diese Weise mit einem anderen führenden Anbieter, der die gleiche Philosophie der privaten Medizin verfolgt, Synergien nutzen und Zukunftsperspektiven für die Branche entwickeln.

Sie haben die Klinik Pyramide gegründet, Sie leiten sie und Sie prägen sie. Wer wird eines Tages in Ihre Fussstapfen treten?

Die Zeiten der „One-Man-Show“ sind tatsächlich vorbei. Ich bin zwar nach wie vor sehr aktiv und in jedes Projekt involviert, überlasse jedoch immer mehr Verantwortung auch meinem Team, in das ich grosses Vertrauen habe. Wie eine mögliche Nachfolgelösung aussieht, kann ich Ihnen im Moment noch nicht sagen, denn es gibt dazu auch noch keine Veranlassung. Denkbar wären verschiedene Lösungen – aus den eigenen Reihen, aus meiner Familie oder aus einer Partnerschaft.

Herr George, besten Dank für das Interview.
 

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