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Lymphödem: Umleitung bringt Fluss ins System

18.12.2024 Prof. Dr. med. Mario Scaglioni

Wenn der Transport des Gewebewassers durch eine Lymphknotenentfernung gestört ist, kann es zu Schwellungen kommen. Die frühzeitige Erkennung eines Lymphödems ist von entschei­dender Bedeutung, um eine anhaltende Stauung zu verhindern.

Dank den medizinischen Fortschritten bei der Behandlung von Brustkrebs können viele Patientinnen geheilt werden, und die Prognosen sind viel besser als früher. Das heisst aber nicht, dass es keine Probleme gibt. Viele Frauen leiden an störenden Nebenwirkungen. «Eins der häufigs­ten Probleme ist das Lymphödem, ein chronisches und oft schmerzhaftes Leiden, das durch die Stauung von Lymphflüssigkeit zu Schwellungen in den Gliedmassen führt. Besonders häufig tritt es bei Frauen auf, bei denen bei einer Brustkrebsoperation Lymphknoten entfernt oder beschä­digt wurden», erklärt Prof. Dr. Mario Scaglioni, Co-Chefarzt der Plastic Surgery Pyramide in Zürich. Die Lymphknoten, kleine bohnen­förmige Organe, befinden sich an zahlreichen Stellen des Körpers. Sie dienen als Filterstation für die Lym­phe aus einer Körperregion, produzie­ren und lagern Zellen, die Infektionen im Körper bekämpfen. Damit sind sie ein wichtiger Teil des Immunsystems. Wird ein Fremdkörper, etwa ein Bakterium, im Lymphknoten erkannt, vermehren sich die Lymphozyten, und es entsteht eine Immunabwehr gegen den Erreger. Eine Schwellung ist also meistens ein Zeichen einer natürlichen Abwehrreaktion.

In der Schweiz leben laut Schätzungen der Lymphödem Vereinigung etwa 50000 bis 100000 Menschen mit einem Lymphödem. Am häufigsten sind die Flüssigkeitsansammlungen an den Armen, am Brustkorb, an der Brust und in den Achselhöhlen. Überall am Kör­per, wo Lymphknoten entfernt oder be­strahlt wurden, können Lymphödeme auftreten. «Allerdings passiert das nicht gleich nach der Operation. Die Symptome entwickeln sich allmählich über Wochen oder Monate und können sogar Jahre nach einer Krebsbehand­lung auftreten», sagt Prof. Scaglioni.

Ein Lymphödem zeigt sich in Form einer sicht- und tastbaren Schwellung an den Armen oder Beinen, einem Gefühl der Enge, insbesondere beim Tragen von eng anliegender Kleidung. Deutliche und länger anhaltende Druckstellen, Verdickung oder Verhärtung der Haut, dumpfe Schmerzen in den be­troffenen Bereichen und kleine Bläs­chen, aus denen eine klare Flüssigkeit austritt, sind weitere Symptome. Die Kombination von Lymphdrainage und Kompressionstherapie ist der Goldstandard in der konservativen Behandlung von Lymphödemen. «In fortgeschrittenem Stadium kann das Lymphödem nicht geheilt wer­den, aber durch eine konservative Be­handlung können wir die Lebensqua­lität verbessern», erklärt Prof. Mario Scaglioni. Früh entdeckt und durch einen chirurgischen Eingriff behoben, ist ein Lymphödem sogar heilbar.

Mithilfe der Mikro- und Supermikrochirurgie gelingt es, den Lymphfluss wiederherzustellen. «Die Lymphove­nöse Anastomose, kurz LVA, ist eine Umleitung. Wir verbinden die Lymph­gefässe mit einer Vene, wodurch der Lymphabfluss verbessert wird», sagt Prof. Scaglioni. Der Eingriff kann an jeder Stelle, an der die Lymphe gestört ist, durchgeführt werden. «Bei einem fortgeschrittenen Lymphödem erreichen wir eine Abschwellung von bis zu 40 Prozent. Danach reduzieren sich auch die konservativen Massnahmen wie Lymphdrainage oder Kompression», fügt er hinzu.

Bei länger bestehenden Ödemen, bei denen bereits eine Fibrosierung des Gewebes stattgefunden hat, reicht eine LVA nicht. «Hier muss zusätzlich ein Transfer von Gewebe, das Lymph­knoten beinhaltet, durchgeführt wer­den. Meist kommt danach noch die LVA zum Zug, um den Lymphabfluss zu optimieren.»

Interview mit Verena Thurner, Schweizer Illustrierte

 

Stadien eines Ödems

Stadium 0: Keine sichtbare Schwellung trotz geschädigtem Lymphsystem.

Stadium I: Reversibles Ödem, das sich durch Hochlagerung zurückbildet. Weiches Gewebe.

Stadium II: Irreversibles Ödem, das durch Hochlagerung nicht abschwillt. Verhärtetes Gewebe.

Stadium III: Starke Schwellungen, Deformierungen und Bindegewebsveränderungen. Dieses Stadium geht einher mit Kom­plikationen wie Infektionen, starken Bewegungseinschränkungen und psychosozialen Beeinträchtigungen.

Das Lymphsystem ist ein Bestandteil des Immunsystems und setzt sich aus zarten Lymph­gefässen und -knoten zusammen. Seine Hauptfunktionen sind die Eliminierung schädlicher Zellen sowie der Transfer von weissen Blutkörperchen.

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Prof. Dr. med. Mario Scaglioni, Partner und Leiter Rekonstruktive Chirurgie

Facharzt FMH für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie | Handchirurgie | Lymphchirurgie, Partner und Leiter Rekonstruktive Chirurgie

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