Das labile Versprechen der Zusatzversicherung

06.12.2018

Trotz Privatversicherung kann die Spital- und Arztwahl eingeschränkt werden. Die Krankenkassen haben ein Problem: Die bis anhin sprudelnde Finanzquelle Zusatzversicherung droht zu versiegen. Denn die Jungen schliessen kaum mehr Spital-Zusatzversicherungen ab. Das bedeutet: Keine neuen Zahler auf der einen, viele teure Rechnungen auf der anderen Seite. Das geht auf Dauer nicht auf. Ein Ausweg aus der Situation scheint noch nicht gefunden. Denn einfach an der Prämie zu schrauben, ist keine Option. Die Alternative: Leistungen einschränken. Zu spüren bekommen das nun die Vertragsspitäler. Diese fungieren nicht auf den kantonalen Spitallisten und erhalten deshalb auch keinen Sockelbeitrag vom Kanton. Bei Vertragsspitälern übernimmt diesen Kostenblock der Versicherer – bis diesen Sommer erste Krankenkassen damit begonnen haben, Vertragsspitäler auf «schwarze Listen» zu setzen. Doch dann zahlt die Versicherung für die Behandlung des Patienten nicht.

Von Anna Wanner, AZ Medien

Mehrere hundert Franken zahlen Versicherte jeden Monat, damit sie bei einem Unfall oder einer Operation den Arzt und das Spital frei wählen können. Krankenkassen verkaufen ihre Spital-Zusatzversicherungen mit diesem Versprechen. Nur gibt es Zusatzversicherungen, die zwar eine freie Arzt- und Spitalwahl anpreisen, gleichzeitig aber eine Liste von Spitälern und Ärzten führen, die für Patienten gesperrt sind. Das bedeutet: Die Krankenkasse zahlt Operation und Aufenthalt trotz Zusatzversicherung nicht. Will der Versicherte am gewünschten Spital oder Spezialarzt festhalten, muss er den Aufpreis der Behandlung selber bezahlen. Die Krankenkassen deklarieren solche Einschränkungen auf sogenannten «Negativ- oder schwarzen Listen». So führt Concordia beispielsweise eine Liste von Spitälern «ohne volle Kostendeckung in den Spitalversicherungen». Und Helsana weist trotz «freier Spitalwahl» auf Vorbehalte hin: «Beachten Sie bitte, dass bei den von Helsana nicht anerkannten Spitälern Kosten anfallen, die Sie selbst übernehmen müssen.» Was nicht steht: Die Liste kann fortlaufend angepasst und abgeändert werden. Der Versicherte kauft die Katze im Sack, weil er nicht sicher sein kann, ob zum gegebenen Moment eine ärztliche Behandlung im gewünschten Spital auch vergütet wird. Hunderte von Franken, welche er Monat für Monat in die Zusatzversicherung einzahlt – und dann das? Druckmittel für tiefere Prämien Die Versicherer machen keinen Hehl aus diesen Listen. Helsana-Sprecher Stefan Heini sagt: «Indem wir eine Negativliste führen, erhalten wir einen grösseren Handlungsspielraum, um uns in den Verhandlungen mit den Kliniken für faire Preise einzusetzen.» Ähnlich argumentiert Concordia: «Es gibt Spitäler, die mit ihren Tarifforderungen die Grenzen der Vernunft massiv überschreiten», so Sprecherin Astrid Brändlin. «Würde die Concordia solchen Forderungen nachgeben, würden die Prämien ins Unermessliche steigen.» Beide betonen, es gehe nicht darum, Leistungen gegenüber den Versicherten einzuschränken, sondern mit den Spitälern überhaupt verhandeln zu können. Davon profitierten in erster Linie die Prämienzahler. Angriff auf Vertragsspitäler Die betroffenen Spitäler sehen das freilich anders. Zwar funktionieren solche Negativlisten schon länger als Druckmittel. Zuletzt hat sich das Universitätsspital Basel nach einem längeren Streit und verärgerten Patienten mit der Helsana auf einen tieferen Tarif einigen können. Allerdings treffen die Listen nicht mehr nur Spitäler mit mangelnder Qualität oder hohen Kosten, wie Beat Huber, CEO der Klinik Pyramide am See in Zürich, sagt. «Neuerdings richten sich die schwarzen Listen direkt gegen Vertragsspitäler.» Dazu muss man wissen: Im Unterschied zu den Listenspitälern, die von den Kantonen mit Leistungen beauftragt werden, sind Vertragsspitäler frei in ihrem Angebot. Knapp ein Dutzend Spitäler in der Schweiz haben sich im Zuge der neuen Spitalfinanzierung 2009 bewusst für diesen Weg entschieden. Die Freiheit bedeutet aber, dass sie auf den Sockelbeitrag des Kantons verzichten, der 55 Prozent an jede Behandlung eines Listenspitals zahlt. Bei einem mittelschweren Eingriff sind das schnell mehrere tausend Franken. Auf den Beitrag muss das Vertragsspital nicht verzichten. Anstatt des Kantons finanziert die Krankenkasse den Sockelbeitrag – zumindest bisher. Denn just wegen dieses Aufpreises heben nun Krankenversicherer wie Helsana die Vertragsspitäler auf die Negativliste oder bieten Versicherungsmodelle an, welche einzelne Spitäler direkt ausschliessen. Für die Vertragsspitäler wäre es fatal, wenn die Preise um die Höhe des ganzen Sockelbeitrags reduziert würden. An den Preisen lasse sich nicht so stark schrauben, sagt Beat Huber. «Wir sind effizient organisiert und nicht teurer als Listenspitäler.» Da der Sockelbeitrag den massgeblichen Teil der gesamten Fallkosten ausmache, könnten auch Vertragsspitäler nicht darauf verzichten. «Wenn die Versicherer ihren Beitrag nicht mehr zahlen, müssen wir uns neu ausrichten.»

Einigung nicht ausgeschlossen

Für alle Versicherten ist dieser Streit lästig, weil sie nicht sicher sein können, dass das Versicherungsversprechen im Ernstfall tatsächlich eingelöst wird. Die Krankenkassen beschwichtigen: Es bestehe kein Interesse, die Versicherten unnötig zu verärgern. «Im Gegenteil», sagt Helsana-Sprecher Heini. «Wir sind daran interessiert, neue zu gewinnen.» Helsana wolle deshalb über die Zusatzversicherung möglichst viele Spitäler abdecken. Damit das möglich ist, müssten sich aber die Spitäler bei den Tarifen bewegen. Auch die Vertragsspitäler werden sich verstärkt darum bemühen, mit allen Versicherern eine Lösung zu finden, um keine Privatpatienten abweisen zu müssen. «Mein Ziel ist es, bis im April wieder auf die reguläre Liste zurückzukommen», sagt CEO Huber.

Mit Verlaub: Das ist ein Skandal

Jahrelang lebten die Krankenkassen von Privatversicherten. Heute sucht die Branche nach einem Rezept, um die Spital-Zusatzversicherung in die Zukunft zu retten. «Ambulant vor stationär» verdirbt das Geschäft. Weil die Patienten schnell nach Hause können, kommt die Zusatzversicherung oft nicht zum Tragen: Weder kann der Versicherte den Arzt frei wählen, noch profitiert er von einem Einzelzimmer. Gerade Junge schliessen kaum mehr solche Verträge ab, weil sie zu wenig bieten. Experten warnen vor einer «Implosion» des Systems. Die Versicherer scheinen über Negativlisten einen Weg gefunden zu haben. Obwohl Zusatzversicherungen freie Arzt- und Spitalwahl versprechen, sind Spitäler auf solchen Listen für Privatversicherte gesperrt. Die Listen sind ein Vorgeschmack, was uns mit der anstehenden Gesetzesänderung im Versicherungsvertragsrecht blüht. Bundesrat und Kommission schlagen vor, dass Verträge künftig einseitig angepasst werden können. Das bedeutet: Wenn das Geschäft nicht mehr funktioniert, können sich die Krankenkassen aus der Verantwortung stehlen und das Versicherungsversprechen brechen. Wer jahrelang tausende Franken einbezahlt hat, könnte plötzlich ohne Deckung dastehen. Zwar hätte der Versicherte das Recht, bei einer Vertragsänderung zu kündigen. Allerdings kann ab einem gewissen Alter und vor allem bei Krankheit faktisch kein neuer Vertrag mehr abgeschlossen werden. Der Versicherte würde um das Versprechen geprellt, im Krankheitsfall abgesichert zu sein und die vorgesehene Versorgung zu erhalten. Mit Verlaub: Das ist ein Skandal.