Künstliches Kniegelenk: Welches ist das Beste für mich?

09.11.2018

Es gibt verschiedene Arten von künstlichen Kniegelenken (massgeschneiderte Knieprothese vom 3-D Drucker) und Techniken (individuelle Schnittblöcke, Roboter, computernavigiert, weichteilorientiert). Konventionelle Prothesen haben gegenüber neuen, massgeschneiderten Kniemodellen immer noch viele Vorteile. Wichtig sind die Ausbalancierung der Seitenbänder und die Schonung der Weichteilung. 

Vier Komponenten einer Knieprothese

Ein künstliches Kniegelenk (kompletter Oberflächenersatz) besteht aus drei bis vier Komponenten. Der neue Knorpel ist aus Metall und schützt sowohl den Unterschenkelknochen (erste Komponente) als auch den Oberschenkelknochen (zweite Komponente). Die dritte Komponente ist aus Kunststoff und wird Inlay genannt. Dieses Inlay ist eine Kunststoffscheibe, die zwischen den beiden Metallkomponenten liegt, und als künstlicher Meniskusersatz und Kreuzbandersatz dient. Gelegentlich muss die Kniescheibenrückfläche ersetzt werden, die ebenfalls aus Kunststoff besteht (vierte Komponente). Damit ein künstliches Kniegelenk funktioniert, müssen die beiden Seitenbänder (innen und aussen) die gleiche Spannung haben.

Messung der Seitenbänder-Spannung (Weichteilbalancing)

Die neueren Knieprothesenmodelle zielen darauf ab, einerseits die Anatomie des Kniegelenkes besser nachzuahmen, sowie die Kniescheibenführung zu optimieren. So versuchen die neueren Inlay-Designs die natürliche Kinematik des Kniegelenkes besser nachzuempfinden. Neu ist auch die individuelle Knieprothese, welche am defekten Kniegelenk vor der Operation geplant wird. Diese massgeschneiderte Knieprothese kann jedoch nur bedingt grössere Knorpel- und Knochendefekte ausgleichen. Ein weiterer Nachteil dieser neuen Modelle ist, dass die Spannung der Seitenbänder des individuellen Knies (Weichteile) nicht im Voraus festgestellt werden kann und sich dann auch im Verlauf der Operation verändert. Mit konventionellen Prothesen, die feinere Grössenabstufungen haben, ist dies anders. Während der Operation kann die Spannung der Seitenbänder genau bestimmt und die richtige Prothese daraus abgeleitet werden. Das individuelle Ausgleichen der Seitenbänder spielt eine entscheidende Rolle für die Stabilität des künstlichen Kniegelenks. Die Kräfte der beiden Seitenbänder werden nach dem Knochenschnitt des Unterschenkels (Tibia) und entsprechender wiederhergestellter Beinachse in Beugung und in Streckung des Kniegelenks mit Hilfe eines Weichsteilspanners gemessen und durch sorgfältiges Ablösen des vernarbten Seitenbandes ausgeglichen. Mit diesem Ausgleichen der Seitenbänder-Spannung während der Operation (Weichteilbalancing) wird das künstliche Kniegelenk gleichmässig belastet, was zu weniger Abrieb des Kunststoffes, mehr Stabilität und Sicherheit sowie weniger Schmerzen führt.

Computernavigation und Roboter

Um das künstliche Kniegelenk besser zu platzieren, helfen einerseits der intraoperative Gebrauch von Computernavigation oder anderseits individuelle Schnittblöcke, welche vor der Operation anhand von Röntgenbilder oder CT-Bilder angefertigt wurden. Dadurch kann die Position der Prothese besser ausgerichtet werden, aber auch hier nehmen diese Hilfen keine Rücksicht auf die neu auftretende Seitenbänder-Situation des Knies. Um noch präzisere Schnitte durchzuführen, folgt der Einsatz eines Roboters. Bis jetzt haben diese neueren Techniken gegenüber der herkömmlichen Methode jedoch keine wesentlichen Verbesserungen gebracht. Was gezeigt wurde ist, dass das Weichteilbalancing eine entscheidende Rolle spielt. Von diesem Konzept bin ich seit mehreren Jahren überzeugt und setze sie konsequent um. Ich bilde andere Ärzte aus und treibe die Forschung und Entwicklung in diese Richtung voran. Ich lege dementsprechend besonders viel Wert auf einen optimalen Ausgleich der Seitenbänder während der Operation in Streckung sowie in Beugung des Kniegelenkes. Ich bin auch ein Befürworter von körperverträglichen Knieprothesen. Bei vielen neuen Prothesen und Techniken fehlen die Langzeitresultate. Am wichtigsten ist, dass Sie sich an einen erfahrenen Orthopäden wenden, der Ihnen die verschiedenen Optionen mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen erklären und die für Sie idealste Lösung vorschlagen kann.


PD Dr. med. Andreas L. Oberholzer
Zentrum für Gelenk- und Sportchirurgie
Klinik Pyramide am See